Olivia Coeln -- Funferal

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Olivia Coeln, Wise Keys, 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

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Funferal, Ausstellungsansicht, 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

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Olivia Coeln, Wise Keys, 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

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Olivia Coeln, G.S., 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

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Olivia Coeln, G.S., 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

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Olivia Coeln, G.S. (Detail), 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

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Olivia Coeln, G.S. (Detail), 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

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Olivia Coeln, Wise Keys, 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

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Funferal, Ausstellungsansicht, 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

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Funferal, Ausstellungsansicht, 2020, courtesy Georg Kargl Fine Arts, © Georg Kargl Fine Arts, Foto kunst-dokumentation.com

Olivia Coeln
Funferal
05/06/2020 - 26/09/2020

Eröffnung: 5.Juni 2020, 12.00 – 21.00 Uhr, 6. Juni 2020, 12.00 – 18.00 Uhr 

Funferal[1] ist ein zusammengesetztes Wort aus James Joyces Finnegans Wake, seinem letzten Werk, das 1939 erschien und als Meilenstein der Moderne gilt. Es ist zyklisch aufgebaut und allegorisiert Geschichte als sich wiederholende Schicksale von Geburt und Tod.  Es spürt wiederkehrenden Formen von Zeit nach wie auch den historischen Institutionen von Familie und Militär. Geschrieben in einem Sprachrhythmus, der fast nicht mehr lesbar ist, scheren seine Worte aus dem Atem aus und haften in der Kehle. „Funferal“, abgeleitet von „fun“ und „feral“, verwandelt sich auf wunderbare Weise in einen wilden Spaß für alle, der wieder zu „funeral“ oder „funereal“ zurückführt, zum „wake“ und ihrem Begleiter, dem Verlust.

Der Protagonist des Romans entstammt dem gleichnamigen irischen Volkslied, das das Leben Tim Finnegans erzählt, einem verarmten Bauarbeiter, der gerne trinkt. Eines Tages trinkt er zu viel, fällt von einer Leiter und bricht sich den Schädel. Am Abend vor der Totenwache versammeln sich alle, die um ihn trauern. Ein Streit bricht aus und eine Whiskeyflasche fliegt quer durch den Raum. Sie verfehlt ihr Ziel, landet aber in der Nähe von Finnegans Leiche und spritzt sie mit Alkohol voll. Der berauschende Geruch lässt den Mann erwachen. Er „erhebt“ sich aus seinem Bett, als sei er auferstanden. 

Über die Grammatik des Titels von Coelns Ausstellung führt uns die Figur des Finn auf eine semantische Reise zu „fin“, wie in „Ende“, Beendigung, Verneinung von Leben, Tod und der Totenwache, die ihm folgt. Von dieser negativen Konnotation geht es zurück zur deutschen „Flosse“ (engl.: fin): die Flosse, der es G.S. inmitten von Gesten zur Orientierungslosigkeit und richtungslosem Dahintreiben mangelt. „Flosse“ schwingt auch im „Fluss“ mit, abgeleitet von „fließen“. Wenn ein Fluss einen Zeitstrang in den Lauf seiner Fluten wirft, strömt er, wogt und tobt. Man sagt, dass ein Strom am Anfang und am Ende derselbe ist, nur dass er irgendwann ins Meer hinaustreibt. Ein Gedicht von Bertolt Brecht[2] spricht von der gewalttätigen Einengung, die ein Fluss durch das Flussbett erfährt. Hier wird G.S. verankert, gehängt, drapiert. Es könnte uns kleiden. Es erinnert uns an unsere Körperlichkeit, unseren Atem. 

In dem Roman Finnegans Wake verkörpert die Figur Anna Livia Plurabelle den Fluss Liffey und erfüllt ihn mit Leben. Joyce brachte den lebendigen Fluss und seine Geister mit dem Whiskey (und seinem Geist) zusammen. Im Irisch-Gälischen bedeutete Whiskey ursprünglich „Wasser des Lebens“. Innerhalb eines animistischen Glaubenssystems wird dem Fluss eine Seele beigemessen. Im Kontext von Funferal ist alles von Animismus durchdrungen; alles ist mit Leben erfüllt. In seinem Raum teilen wir symbolisch eine Mahlzeit mit den Geistern seiner Gaben, den Wise Keys

Wie personifiziert man tote Dinge und wie erweckt man sie wieder zum Leben? Wenn er sprechen könnte, was würde der Fischgeist sagen? Während das Kielwasser (engl.: wake) eines Schiffes die Wirkung ist, die es auf der Oberfläche des Wassers erzeugt, das es hinter sich lässt, kehrt das Muster in G.S. wieder und verlagert sich in die Wölbungen, die in seine Oberfläche gewoben sind. An der Schwelle von Leben und Tod lässt seine anthropomorphisierende Wirkung ein fortwährendes Ringen um eine Perspektive außerhalb des „Menschlichen“ deutlich hervortreten — wo der Mensch die Perspektive war und bleibt, die Grenzen zieht und Hierarchien erzeugt zwischen ihm und denen, die er abwertet. In dem, was abgeworfen, vom Fisch auf dem Weg zum Markt abgetrennt wird, finden wir die Artikulation von erniedrigtem Material. Das gebetsmühlenartige, monotone Wiederzusammennähen eines Fisches aus zahlreichen Fischen, die der „menschlichen“ Logik der kapitalistischen Wertschöpfung geopfert wurden, die durch Arbeit, Ausbeutung und Beherrschung der Natur ermöglicht wurde, verleiht dem Fischgeist eine Macht, die über seine Reduktion hinausgeht, wobei eingeräumt wird, dass das Beherrschen auch spirituellen Ritualen innewohnt.

 

–  Rose-Anne Gush

Übersetzung: Matthias Goldmann

 

[1] Anmerkung des Übersetzers: „Funferal“ ist eine Verballhornung des englischen „Funeral“ (Begräbnis). Durch das eingefügte „f“ zerfällt es in „fun“ (Spaß) und „feral“ (wild, barbarisch). Es kann aber auch als „fun for all“ (Spaß für alle) gelesen werden, insbesondere wenn es mit irischem Akzent ausgesprochen wird. Das Adjektiv „funereal“ (Grabes… Leichen... Trauer...) schwingt hier ebenfalls mit. Eine doppelte Leseweise bietet auch Joyces Titel „Finnegans Wake“: Durch das Weglassen des Apostrophs (in Finnegan’s) kann es als „Finnegans Totenwache“ oder „Finnegans erwachen“ gelesen werden. Eine dritte Bedeutung von „wake“ ist Kielwasser.

[2] „Der reissende Strom wird gewalttätig / genannt / Aber das Flussbett, das ihn einengt /Nennt keiner gewalttätig (...)“.Bertolt Brecht, Me-ti. Buch der Wendungen, Suhrkamp 1984